Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen

„Es ist normal, verschieden zu sein“ – Anti-Stigma-Arbeit

Die Malerin Hildegard Wohlgemuth hörte 26 Stimmen. Das waren die Stimmen der Kinder aus ihrer Klasse, die bei einem Bombenangriff 1943 verschüttet wurden. Sie hatte als einzige überlebt und erkrankte an einer Schizophrenie. Frau Wohlgemuth ist reales Vorbild für das bekannte Kinderbuch „Die Bettelkönigin“, das 1998 erschienen ist und immer wieder aufgelegt wird. Auch in Hamburger Schulen trat sie auf, zusammen mit dem Psychologen Prof. Thomas Bock, um Kindern fassbar zu machen, was eine Psychose ist. Das war der Beginn des Anti-Stigma-Projekts Irre Menschlich Hamburg e.V., eines der ersten Projekte dieser Art in den 90er Jahren in Deutschland und Preisträger des DGPPN-Antistigma-Preises 2009.

Begegnung mit Betroffenen

Die Einbindung von psychisch kranken Menschen und ihren Angehörigen gilt mittlerweile als Standard bei der Anti-Stigma-Arbeit. „Die persönliche Begegnung mit den Betroffenen ist effektiver als reine Information und Aufklärung, um negative Einstellungen gegenüber psychischen Erkrankungen abzubauen“, berichtet Prof. Wolfgang Gaebel. Als Vorstandsvorsitzender des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit hat er 2010 in einer Studie die aktuelle Anti-Stigma-Landschaft in Deutschland untersucht. „Gab es Ende der 90er Jahre nur eine Handvoll Initiativen, gibt es heute in vielen Projekten besonders auf lokaler Ebene viel Engagement“, konstatiert er.

Ursprünglich konzentrierten sich die ersten Projekte, wie Irre Menschlich Hamburg, Irrsinnig Menschlich Leipzig oder BASTA in Bayern, die aus den sogenannten Psychoseseminaren entstanden sind, auf das Thema Psychosen. So auch das 1999 gegründete internationale Programm „Open the Doors“ des Weltverbands für Psychiatrie (WPA). Heute geht es um Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen allgemein, seien es Psychosen, Depressionen, Ess- oder Angststörungen, Zwangs- oder Abhängigkeitserkrankungen, Bipolare oder Borderline-Störungen. „Seht die Menschen, nicht die Behinderung.“ Oder „Es ist normal, verschieden zu sein.“ (Titel einer Broschüre, auf www.irremenschlich.de) Oder auch: „Mehr Toleranz gegenüber anderen, mehr Sensibilität für sich selbst.“ – Das sind Botschaften, die transportiert werden sollen.

Einen zusätzlichen Impuls für die Anti-Stigma-Arbeit hat die Gründung des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit im Jahr 2006 gesetzt, das sich mit seinen über 70 Mitgliedsverbänden unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Gesundheit die Entstigmatisierung auf die Fahnen geschrieben hat. Mit der Aktionswoche der Seelischen Gesundheit wurde eine bundesweite Initiative ins Leben gerufen, die Veranstaltungen auf lokaler Ebene anstößt und bündelt, die direkte Begegnung fördert und somit Berührungsängste abbaut.

Zielgruppe Schüler

Ein früher Kontakt, möglichst schon mit Kindern und Jugendlichen, spielt eine große Rolle bei den Projekten, denn Stigmata entstehen bereits in jungen Jahren. „Negative Stereotypen sind bei jungen Menschen noch nicht so fixiert und daher oft noch korrigierbar“, so Gaebel. Kinder machen erste Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen häufig auch als Angehörige, wenn nämlich ein Elternteil betroffen ist. „Kinder von psychisch kranken Eltern sind „Vorurteilen und Diskriminierungen ungeschützt ausgeliefert“, berichtet Beate Lisofsky, Pressereferentin beim Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. (BApK). „Und gerade Kinder neigen dazu, sich selbst die Schuld an der Krankheit der Eltern zu geben.“ Von daher sei es wichtig, dass man sie mithilfe von Informationen entlastet und ihnen die Wahrheit zutraut.

Zielgruppe Journalisten

„Lebenswelt-bezogen und Zielgruppen-orientiert“ sollte die Anti-Stigma-Arbeit sein, hebt Lisofsky hervor. Eine Zielgruppe, die bisher in der Anti-Stigma-Bewegung wenig Beachtung fand, sind die Journalisten. Mit Überschriften wie „Schizophrener Student schlägt Bundesrichter“ oder „Mit dem Messer aus der Anstalt“ tragen Medien dazu bei, dass Stereotypen fortgeschrieben werden. Zwei Drittel der Menschen mit Schizophrenie oder Depression fühlen sich durch Medienberichte stigmatisiert. Was gilt es bei der Berichterstattung zu beachten? Um diese Frage zu erörtern, hat das Aktionsbündnis in diesem Jahr einen Workshop für Journalisten initiiert. Im kommenden Jahr wird ein Leitfaden für Medien erscheinen, der vom Aktionsbündnis herausgegeben wird.

Depression Erleben

Anti-Stigma-Projekte sollten die Empathie-Fähigkeit fördern, heißt es in der Übersichtsarbeit von Gaebel. Wie fühlt es sich an, wenn man Stimmen hört oder schwer depressiv ist? Das können die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „Grenzen erleben“ nachspüren, wo in verschiedenen Räumen das Psychose- oder Depressionserleben durch eine Simulation erfahrbar wird. Die Erlebnisausstellung des Caritasverbandes der Erzdiözese München und Freising e.V. wird unter dem Dach der Eckard-Busch-Stiftung veranstaltet. „Dort, wo Information, Erleben und Transparenz ist, kann kein Stigma entstehen“, sagt Vorstandsvorsitzende Bettina Busch. Mit weiteren Veranstaltungen wie Filmvorführungen oder Theaterstücke („Können Sie Klapse?“) fördert die Eckard-Busch-Stiftung eine erlebnisorientierte Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen.


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