Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen

Im Porträt: Arbeitsmedizin und Gesundheitsschutz bei der BASF

Wie hat die Depression begonnen? Wann habe ich zum ersten Mal darüber mit wem gesprochen? Was lernt man in einer psychiatrischen Klinik? Wie habe ich auf Psychopharmaka reagiert? Darüber sprechen Mitarbeiter der BASF SE vor laufender Kamera – das Gesicht gepixelt, die Stimme verändert. Sie alle sind oder waren psychisch erkrankt und haben sich bereit erklärt, für diese Videointerviews zur Verfügung zu stehen. Die Videos sind auf der BASF-Intranetseite „Psychische Gesundheit“ zu sehen, Führungskräften werden sie in Vorträgen, Seminaren und Workshops vorgespielt.

Berichte von Betroffenen Berühren

„Die Führungskräfte sind oft sehr berührt, wenn sie diese Filme sehen“, berichtet Olga Zumstein. Sie ist eine von zwei Fachärztinnen für Psychiatrie und Psychotherapie in der Abteilung Arbeitsmedizin und Gesundheitsschutz am BASF-Standort Ludwigshafen. „Präsentierte Fallbeispiele können noch so gut sein – wenn die Menschen selber sprechen, hat das die größte Wirkung.“ Die Videointerviews sind Teil des groß angelegten Projekts „Psychische Gesundheit“ im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements der BASF, dem größten Chemieunternehmen der Welt.

„Bei 34.000 Mitarbeitern allein in Ludwigshafen war es uns ein Anliegen, den psychischen Gesundheitsschutz zu systematisieren, sonst kann man nur punktuell etwas erreichen“, so Zumstein. Eine Ist-Analyse ergab, dass am Standort Ludwigshafen etwa 9 Prozent psychisch kranke Mitarbeiter arbeiten, die der Abteilung für Arbeitsmedizin und Gesundheitsschutz bekannt sind. Davon leiden die meisten, nämlich fast die Hälfte, an Angststörungen, etwa ein Drittel an Depressionen, 14,6 Prozent an Suchterkrankungen und 2,6 Prozent an Psychosen. Die restlichen 10 Prozent haben andere psychiatrische Diagnosen, wie Schlafstörungen oder Persönlichkeitsstörungen.

Lehrfilme für Führungskräfte

Die Intranetseite beherbergt die vier thematischen Bereiche „psychomentale Belastungen“, „Suchtberatung“, „Beratung von Führungskräften“ und „Präventionsangebote“. Zwei Broschüren hat die BASF-Abteilung erarbeitet zu den Themen Stress, Burnout und Lebensbalance sowie zu Suchterkrankungen. „Neben einer Änderung des Verhaltens der Mitarbeiter geht es uns auch um eine Sensibilisierung der Führungskräfte“, sagt Olga Zumstein. So wurden zum Beispiel Lehrfilme mit Positiv-, aber auch mit negativen Beispielen produziert: etwa über eine überprotektive Führungs-kraft, die sich schuldig fühlt, weil ein Mitarbeiter psychisch erkrankt ist, oder über einen überforderten Chef, der Warnsignale ignoriert.

Wiedereingliederung

„Das A und O aber ist die Wiedereingliederung von über lange Zeit erkrankten Mitarbeitern“, betont die Psychiaterin. Dafür wurde als Pilotprojekt ein Workshop erarbeitet, in dem die Führungskräfte Informationen zu gesetzlichen Grundlagen und Gesprächsführung erhalten und in Rollenspielen Gespräche mit zurückgekehrten Mitarbeitern üben können. „Normalerweise haben die Leute Hemmungen bei solchen Rollenspielen“, so Zumstein, „aber bei diesen Workshops machen wir die Erfahrung, dass die meisten sehr dankbar sind.“ Über 90 Prozent der psychisch erkrankten Mitarbeiter kehren bei BASF an ihren Arbeitsplatz zurück, die Zahl der Mitarbeiter, die wieder-eingegliedert werden konnten, ist von etwa 60 Mitarbeitern im Jahr 2008 auf über 140 Mitarbeiter im Jahr 2011 gestiegen.

Für ihre Initiativen ist die Abteilung Arbeitsmedizin und Gesundheitsschutz der BASF mit ihren 150 Mitarbeitern schon vielfach ausgezeichnet worden, u.a. mit den Deutschen Unternehmenspreis Gesundheit 2012 im Bereich Wiedereingliederungen, oder mit dem Felix-Burda-Award in der Kategorie „Prävention at Work“ 2008. Kürzlich erhielt die Abteilung den DGPPN-Antistigma-Preis.


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