Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen

Im Porträt: Irrsinnig Menschlich e.V.

Am Ende eines solchen Tages kommt es vor, dass auch mal ein Lehrer weint. Weil er überrascht und bewegt ist von dem, was er von seinen Schülern erfahren hat. Welche seelischen Krisen sie bereits durchlitten oder welche Probleme sie mit ihrer depressiven Mutter und ihrem an einer Psychose erkrankten Vater haben. Die Rede ist von den Workshops im Rahmen des Projekts „Verrückt? Na und! Seelisch fit in Schule und Ausbildung“, die der Leipziger Verein Irrsinnig Menschlich e.V. klassenweise für Jugendliche ab 14 Jahren anbietet. Dafür ist der Verein kürzlich mit dem DGPPN-Antistigma-Preis ausgezeichnet worden, Kooperationspartner ist das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit.

Team von Profi und „Experten in eigener Sache“

Die Grundidee eines solchen Projekttages: Ein Team aus Moderator – sei es ein Arzt, Psychologe oder Sozialarbeiter – und einem „Experten in eigener Sache“, also einem Betroffenen, laden die jungen Menschen zu einem Austausch über alle Fragen zur seelischen Gesundheit ein. „Dabei geht es nicht um Belehrung, sondern um Austausch von Lebenserfahrung“, betont Hauptgeschäftsführerin Dr. Manuela Richter-Werling. Der Clou dabei: Der Experte in eigener Sache gibt sich erst am Ende der Veranstaltung als Betroffener zu erkennen. „Das löst bei den Schülern immer großes Erstaunen aus: Sie können es kaum glauben, dass ausgerechnet dieser Mensch psychische Krisen erfahren hat“, berichtet Richter-Werling. Diese unerwartete Begegnung ist für sie der Schlüssel zur Veränderung von Einstellungen und Verhalten. Und das komplexe Konstrukt „seelische Gesundheit“ bekommt ein Gesicht.

Etwa die Hälfte aller psychischen Erkrankungen beginnen vor dem 20. Lebensjahr, in Deutschland gelten zwischen 20 bis 30 Prozent der Heranwachsenden als psychisch auffällig und über vier Millionen Kinder leben mit psychisch oder suchtkranken Eltern zusammen. „Während eines solchen Projekttages outen sich immer drei, vier Schüler, die selbst schon Erfahrungen mit psychischen Krisen haben“, berichtet Richter-Werling. Und es sind auch immer welche dabei, die das erste Mal offen darüber sprechen, dass jemand in ihrer Familie psychisch erkrankt ist. Hilfestellung wird gegeben: Jeder Schüler erhält am Ende des Schulprojekts einen regionalen Krisen-Ausweg-Weiser im jugendgerechten Design. Seelen-Fitmacher zu zwölf verschiedenen Themen, die DVD „... und Du so?“ und das Webportal www.verrückt-na-und.de ergänzen das Projekt.

Social-Franchise-System

Irrsinnig Menschlich e.V. hat sich etwa zeitgleich mit Irre Menschlich Hamburg e.V. und mit Basta e.V. in München gegründet, nämlich im Jahr 2000. Über ein so genanntes Social-Franchise-Konzept hat der Leipziger Verein sein Angebot in 45 Regionalgruppen über Deutschland verbreitet, auch in Tschechien und in der Slowakei gibt es Gruppen, demnächst auch in Österreich und Südtirol. Die Regionalgruppen bekommen als Franchisenehmer Schulungen, Materialien und Medien an die Hand und ein Kooperationsvertrag mit Irrsinnig Menschlich regelt die Übertragung der Nutzungsrechte für ein definiertes Gebiet sowie Erscheinungsbild und Qualitätsstandards. Kooperationspartner sind die Barmer Gek und gesundheitsziele.de.

Die Lehrer sind nach einem solchen Projekttag oft so beeindruckt, dass sich Lehrerfortbildungen und Elternabende anschließen. „Sie haben verstanden, dass Schulerfolg und psychische Gesundheit eng zusammenhängen“, so Richter-Werling.


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