Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen

Im Porträt: Die Lampenfieber-Ambulanz für Musiker

„Lampenfieber“ – diesen fast kindlich klingenden, netten Begriff hat Dr. Déidre Mahkorn absichtlich gewählt. Denn die „Bühnenangst“ ist tabu in Musikerkreisen. „Dahinter verbirgt sich keine Lifestyle-Erkrankung, sondern die Musiker sind ernstlich psychisch krank“, betont die Psychiaterin, die als Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Bonn tätig ist. Die Sänger, Pianisten, Orchestermusiker und Solisten leiden unter massiver Auftrittsangst, Depressionen, Panikattacken oder auch Psychosen. Das führt zu einem Vermeidungsverhalten: „Aus Angst zu versagen, verschieben sie Auftritte, sagen ab und üben nicht“, so Mahkorn. Da der Konkurrenzdruck groß ist, sprechen sie nicht darüber – und es besteht die Gefahr, dass sie vereinsamen und verarmen.

Mahkorn, die neben der Facharztausbildung für Psychiatrie und Psychotherapie ihre Gesangsausbildung abschloss, gründete 2010 die erste Lampenfieber-Ambulanz für Musiker an der Bonner Universitätsklinik. Mittlerweile hat sie 300 Musikerinnen und Musiker, darunter vor allem Opernsängerinnen und Sänger, aus dem In- und Ausland behandelt. Das Projekt ist Ende November mit dem DGPPN-Antistigma-Preis (Anerkennungspreis) ausgezeichnet worden.

Wettbewerbe, Druck, Konflikte

„Die Erkrankungen sind vom System gezüchtet“, berichtet sie. Als ausgebildete Sängerin kennt sie die Bedingungen, unter denen Musiker lernen und arbeiten. „In der Ausbildung und später bei der Arbeitssuche müssen sie sich dauernd Wettbewerben stellen“, berichtet sie. „Diesen Druck auszu-halten, lernt man leider nicht.“ Zudem werden Stellen gestrichen, viele Orchester sind von der Schließung bedroht – und stetig rückt Konkurrenz nach, vor allem aus Asien und Russland. Nicht selten werden ältere Musiker in den Orchestern „weggekränkt“, wie Mahkorn sagt, Konflikte innerhalb der Orchestermusiker juristisch ausgetragen. Und nicht jeder kommt mit einem möglicher-weise autokratischen Führungsstil des Dirigenten klar.

Etwa 30 Prozent der Musiker in einem Orchester nehmen Betablocker, schätzt, Mahkorn, um die Symptome wie Herzrasen, Zittern, Luftnot, trockenen Mund oder Schwitzen zu kontrollieren. „Doch so lernen sie nicht, sich auf ihre eigene Kompetenz zu verlassen.“ Die Psychiaterin setzt dagegen auf Verhaltenstherapie, bei der sich die Patientinnen und Patienten einer realen Auftrittssituation stellen müssen.

Verhaltenstherapie und Selbsthilfegruppen

In einem Pilotprojekt im Sommer 2012 rekrutierte sie 25 betroffene Musikerinnen und Musiker und studierte mit ihnen innerhalb von einer Woche in Südfrankreich eine Oper ein, die zweimal auf-geführt wurde. Die Teilnehmer trafen sich in täglichen Gruppensitzungen, in denen sie Konfron-tationsübungen absolvierten und Informationen sowie Selbsthilfetechniken an die Hand bekamen. „Es zeigten sich signifikante Verbesserungen der depressiven Symptome, das Vermeidungsverhalten ging zurück“, berichtet Mahkorn. Drei zuvor arbeitslose Berufsmusiker fanden kurz nach der Woche einen festen Arbeitsplatz an deutschen Opernhäusern.

Angestoßen durch diese Gruppentherapien haben sich inzwischen in Köln, Leipzig, Berlin, Düsseldorf, Brüssel, Amsterdam und London Selbsthilfegruppen gegründet. Der Bedarf ist groß, denn nahezu 90 Prozent der Berufsmusiker sind mit dem Phänomen des pathologischen Lampenfiebers vertraut, wie eine Befragung von Mahkorn ergab. Auch Schauspieler, Politiker und Fußballerinnen haben bei ihr schon angeklopft. Damit Mahkorn keine potenziellen Patienten mehr abweisen muss, möchte sie sich im kommenden Jahr mit einer Praxis in Köln niederlassen, wo sie sich dem „Lampenfieber“ von Menschen auch aus anderen Berufen widmen kann.


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