Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen

Stigma – mehr als ein Vorurteil

In ihrer Anwesenheit wird abfällig über sie gesprochen. Sie werden als weniger kompetent, irgendwie anders behandelt als andere. Freunde brechen den Kontakt ab, Arbeitskollegen ziehen sich zurück. Von solchen Erfahrungen berichten psychisch Kranke. „Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind, werden häufig pauschal als gewalttätig eingestuft. Und Menschen mit Depressionen oder einer Suchterkrankung zum Beispiel hören oft, ihnen fehle nur die nötige Selbstdisziplin“, berichtet Prof. Wolfgang Gaebel, Vorsitzender des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

„Solche Stigmatisierungen verändern die ganze Familie“, erzählt Monika Schöpe, Vorstandsvor-sitzende von Wege e.V., einem sozialpsychiatrischen Zentrum in Leipzig, und Mutter von zwei psychisch kranken Söhnen. „Der ständige Druck von außen führt immer wieder zu neuen Krisen.“ Der Verein Wege e.V. ist einer von vier Preisträger-Projekten, die kürzlich mit dem DGPPN-Anti-stigma-Preis ausgezeichnet wurden und in diesem Themendienst ausführlich vorgestellt werden. Der Preis wird von der DGPPN in Kooperation mit dem Aktionsbündnis Seelische Gesundheit und der Stiftung für Seelische Gesundheit vergeben.

„Schizophren“ ist ein Schimpfwort

Besonders treffen die Diskriminierungen diejenigen, die als psychotisch gelten. „Schizophren wird immer noch als Schimpfwort verwendet“, so Schöpe. Wer unter einer schizophrenen Psychose leidet, läuft in manchen deutschen Bundesländern auch heute noch Gefahr, seinen Führerschein zu verlieren, wenn das der Polizei oder den Behörden bekannt wird. Wer schizophren ist, bekommt keine Stelle im öffentlichen Dienst und wird schon gar nicht beamtet. Wer schizophren ist, erhält keine Approbation als Arzt. Von diesen Diskriminierungen berichtet der Psychiater Asmus Finzen in seinem Buch „Stigma psychische Krankheit“. „Ein Stigma ist mehr als ein Vorurteil“, schreibt er: „Es ist Zuweisung – und Empfindung – von Scham, Schuld, Schimpf und Schande zugleich.“

Stigma als zweite Krankheit

„Trotz Fortschritten in der psychiatrischen Forschung und Versorgung hat sich die Einstellung gegenüber Menschen mit Depression, Schizophrenie oder Alkoholabhängigkeit in den letzten 20 Jahren in Deutschland nicht entscheidend verbessert“, warnt Prof. Gaebel. Das offenbart auch eine aktuelle Studie der beiden Psychiater Matthias C. Angermeyer und Georg Schomerus. Im Falle einer Schizophrenie reagierten die Teilnehmer bei der Befragung im Jahr 2011 sogar mit deutlich mehr Angst und Distanzierung als bei einer Befragung aus dem Jahr 1990. Einen Menschen mit dieser Krankheit als Nachbarn oder Arbeitskollegen zu haben, lehnten etwa 30 Prozent der Befragten ab – zehn Prozent mehr als 1990.

Eine solche Stigmatisierung ist für die Betroffenen – neben ihrer eigentlichen Krankheit – eine zusätzliche Bürde. Deshalb wird sie auch als „zweite Krankheit“ bezeichnet. „Stigmatisierung schadet dem Selbstwertgefühl, verschlechtert den Krankheitsverlauf und reduziert die Lebens-qualität“, betont Prof. Gaebel. Häufig verzögert sich dadurch eine frühe Diagnose. „Denn aufgrund der negativen Attribute, die mit einer psychischen Erkrankung verbunden werden, gehen viele Betroffene nicht oder erst spät zum Arzt, um die Diagnose ‚psychisch krank’ zu vermeiden.“ Die Erkrankten verinnerlichen solche gesellschaftlichen Stigmatisierungen, was sich in Selbstvorwürfen, einem negativen Selbstbild und mangelndem Selbstbewusstsein äußert.

Eine Ursache: Reduktion auf biologisch-medizinische Sichtweise

Die immer noch vergleichsweise geringe Akzeptanz führen Experten auch darauf zurück, dass die Sicht auf psychische Krankheiten zunehmend biologisch geprägt ist. „Von einer biologisch-medizinischen Darstellung hat man sich einen Rückgang des Stigmas versprochen“, berichtet Prof. Thomas Bock Leiter der Psychosen-Ambulanz und der Krisentagesklinik an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. „Doch es zeigt sich, dass dadurch zumindest die von einer Psychose Betroffenen eher als unberechenbar und gewalttätig eingestuft werden.“ Der Psychologe, der im Trialog mit Betroffenen, Angehörigen und anderen Experten den Verein „Irre menschlich Hamburg“ ins Leben gerufen hat, macht sich für eine anthropologische Sichtweise stark: „Was haben diese Krankheiten mit dem Menschsein zu tun? Diese Frage muss man sich stellen, um der eigenen Angst eine innere Annäherung entgegenzusetzen“, so Bock.


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