Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz

Ein Überblick

Ein schlechtes Betriebsklima, hoher Druck wegen Personalmangel, die vielen Schicht- und Nachtdienste und auch die Vorurteile der Kollegen gegen ihn als Migranten: „Diese Arbeitsbedingungen haben mit dazu beigetragen, dass ich psychisch krank geworden bin“, berichtet Jurand Daszkowski, Mitglied im Vorstand des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE) und des Landesverbands Psychiatrie-Erfahrener Hamburg. Viele Jahre hat der gebürtige Pole und studierte Mediziner in Deutschland als Pflegekraft in Altenpflegeheimen gearbeitet. Wegen seiner Depressionen und seiner Angststörung war er über lange Zeit krankgeschrieben und galt schließlich als erwerbsunfähig. Seit seinem 42. Lebensjahr bezieht der heute 56-Jährige eine kleine Rente. Er würde gerne wieder arbeiten, doch unter diesen Bedingungen ging es nicht mehr.

Quer durch alle Branchen nehmen seelische Belastungen zu: Psychisch erkrankte Menschen scheiden im Schnitt mit etwa 48 Jahren aus dem Erwerbsleben aus – das ist enorm früh. Gingen im Jahr 2000 noch 24 Prozent der Frühberentungen auf eine psychische Störung zurück, waren es im Jahr 2011 bereits 41 Prozent. Auch die Krankmeldungen wegen psychischer Probleme sind in den letzten Jahren gestiegen, besagen die Zahlen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Lag die Anzahl der Fehltage in Folge psychischer Probleme im Jahr 2000 noch bei 41 Millionen, waren es im Jahr 2011 bereits 59 Millionen. Heute fehlen die Arbeitnehmer am Arbeitsplatz in rund zehn Prozent der Fälle wegen psychischer Krisen.

Belastende Faktoren

„Viele Beschäftigte berichten, dass Termin- und Leistungsdruck, Multitasking, ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge und Unterbrechungen bei ihrer Arbeit häufig auftreten – Merkmale der Arbeitsgestaltung, die mit psychischen Störungen im Zusammenhang stehen können“, sagt Prof. Martin Schütte, wissenschaftlicher Leiter des Fachbereichs Arbeit und Gesundheit bei der BAuA. Von psychisch belastenden Arbeitsanforderungen sind insgesamt vor allem die mittleren Altersgruppen betroffen.

„Psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz werden unterschätzt“, bemängelt Prof. Wolfgang Gaebel von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Gaebel ist Vorsitzender des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). „Seelisch überlastete Personen erhalten oft zu spät eine Beratung oder professionelle Hilfe.“ Deshalb hat die DGPPN eine Task Force Prävention und Therapie bei arbeitsbedingten Störungen eingerichtet. Ein Ziel aus Sicht der Task Force muss es sein, präventive Beratung zu Fragen der psychischen Gesundheit und Behandlung flächendeckend vorzuhalten.

Schützende Faktoren

Expertinnen und Experten sind sich einig, dass vor allem drei Faktoren dafür sorgen, dass sich die Beschäftigten in einem Unternehmen nicht so schnell überlastet fühlen: Sie erleben viel Handlungsspielraum und können selber Entscheidungen treffen, sie erfahren Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte und haben das Gefühl, dass ihr Engagement und ihre Arbeit ausreichend gewürdigt wird. In einem solchen Klima ist Arbeit mehr als ein notwendiges Übel und kann menschliche Grundbedürfnisse erfüllen.

„Arbeit ist auch ein Ort der Selbstverwirklichung und sozialen Anerkennung“, betont Prof. Gaebel. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass arbeitslose Menschen drei- bis viermal so häufig psychisch krank sind wie Erwerbstätige. Auch Menschen, die einer nur befristeten oder nicht sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachgehen, reagieren auf diese Arbeitsplatz-Unsicherheit häufiger mit psychischen Problemen. Sichere Arbeitsverhältnisse tragen also zur seelischen Stabilisierung bei – wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Jurand Daszkowski weiß es bei seiner Tätigkeit im Vorstand des BPE jedenfalls zu schätzen, dass er seine Zeit frei einteilen kann. „Ich genieße gewisse Spielräume, die ich bei meiner Arbeit als Altenpfleger nie hatte.“


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