Inklusion: „Psychisch krank und mittendrin?!“

In der Nachbarschaft leben – Gemeindepsychiatrie

In manchen Berliner Mietshäusern gibt es einige „besondere“ Wohnungen: Der Mieter ist eine gemeindepsychiatrische Einrichtung. In den Ein-Zimmer-Wohnungen leben Menschen mit einer psychischen Erkrankung, die sich darum bemühen, ihren ganz normalen Alltag zu bewältigen: aufstehen, frühstücken, dem Tag eine Struktur geben, einkaufen, kochen, Kontakt mit der Familie oder Freunden aufnehmen, eine Arbeit suchen, einem Hobby nachgehen. Unterstützung dabei bekommen sie von den Sozialarbeitern, Psychologen, Pädagogen oder Ergotherapeuten, die eine sogenannte Präsenzwohnung im Haus angemietet haben, wo sie tagsüber für ihre Klienten zur Verfügung stehen.

„Mit diesem therapeutischen ´Appartement-Wohnen´ schaffen wir es, selbst schwer psychisch Kranke auszubalancieren“, sagt Karl R. Schütze, Vorstand von KommRum e.V., einem gemeindepsychiatrischen Träger in Berlin. Das KommRum liegt in einem hübschen Hinterhaus eines Altbaus im idyllischen Stadtteil Friedenau. Lage und Name sind Programm: „Wir arbeiten bewusst niedrigschwellig und nachbarschaftlich“, betont Schütze. Zum Angebot gehören Wohnprojekte, eine Fachberatungsstelle, Zuverdienstprojekte wie ein Bootsverleih oder eine Bibliothek, Selbsthilfegruppen, Vortragsreihen, Aikido-, Improvisations- oder Keramikkurse sowie ein Café, das für Betroffene, Angehörige, Nachbarn und Besucher offen steht.

Ambulant statt stationär

Heißt es in der Medizin „ambulant vor stationär“, richtet sich die Gemeindepsychiatrie am Grundsatz „ambulant statt stationär“ aus. „Die Gemeindepsychiatrie will das direkte Umfeld und die Gemeinde so mitgestalten, dass auch schwer und chronisch psychisch erkrankte Menschen dort leben können“, sagt Birgit Görres, Geschäftsführerin des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie e.V. Dabei arbeiten die 230 Mitgliedsorganisationen konsequent trialogisch, das heißt Therapeuten, Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und auch engagierte Bürger sind in Vorständen und Entscheidungsgremien vertreten. „Ein regionales Netzwerk über alle Sozialgesetzbücher hinweg aufzubauen – etwa mit der Jugend- oder Altenhilfe, mit Kirchen, Ärzten, Kliniken, Unternehmen und Rehaträgern –, das ist unsere Zukunftsaufgabe, um leitliniengerechte Behandlung zu ermöglichen und komplexen Hilfebedarfen psychisch erkrankter Menschen in ihrer Lebenswelt gerecht zu werden“, ergänzt Görres.

Integrierte Versorgung

Doch es gibt noch weiße Flecken auf der Landkarte der psychiatrischen Versorgung in Deutschland. Weil keine ausreichenden ambulanten Hilfen zur Verfügung stehen, ziehen akute Krisensituationen häufig Krankenhausaufenthalte nach sich. Diese Lücken soll die Integrierte Versorgung (IV) schließen, durch zusätzliche Angebote wie beispielsweise Soziotherapie, ambulante psychiatrische Pflege oder sofort verfügbare psychotherapeutische Beratung. „Jeder Teilnehmer hat dabei eine Bezugsperson, die alles koordiniert“, berichtet der Psychologe und Psychiater Nils Greve, Geschäftsführer eines Regionalverbunds in Nordrhein-Westfalen, der an einem großen IV-Projekt der Techniker Krankenkasse teilnimmt. „Und ein dreistufiger Krisendienst steht ihm rund um die Uhr zur Verfügung – angefangen von telefonischer Beratung über einen Hausbesuch bis hin zu Krisenbetten oder Rückzugsräumen.“

Community Mental Health Teams, Assertive Community Treatment oder Need Adapted Treatment – so heißen die Vorbilder einer solchen ambulanten Komplexbehandlung im angloamerikanischen oder skandinavischen Raum. Studien zeigen, dass solche Versorgungsformen wirksam sind, die stationären Aufnahmen sich während akuter Krankheitsphasen reduzieren und zudem die Patienten mit der Behandlung deutlich zufriedener sind. Birgit Görres vom Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V.: „Den Idealzustand, bei dem sich die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Behandlung auflösen, haben wir noch nicht erreicht, doch wir sind zusammen mit unseren Mitgliedern und innovativen Krankenkassen auf einem guten Weg.“


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