Psychische Erkrankungen im Film

Nah an der Realität – Fernsehen

Die in sich gekehrte Lilly fühlt sich unwohl in ihrem Körper. Ihren Kummer frisst sie sprichwörtlich in sich hinein und entwickelt regelrechte Fressattacken. Danach überkommt sie regelmäßig der Drang, die Kalorien wieder loszuwerden: Sie kniet über der Kloschüssel und kotzt. Die Figur Lilly Seefeld in der täglichen Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (GZSZ) ist an Bulimie erkrankt. Der Verein Dick & Dünn e.V. – eine Beratungsstelle für Essstörungen – hat die Drehbuchautoren beraten. „Die Darstellung der Krankheit ist sehr nah an der Realität, beschönigt nicht und dramatisiert nicht“, lobt Vereinsgründerin Sylvia Baeck. So manche Zuschauerin schreibt in den Fan-Foren, wie sehr sie sich gesehen fühlt, berichtet Darstellerin Iris Mareike Steen. Und die eine oder andere Zuschauerin vertraut sich – angestoßen durch GZSZ – der Mutter an oder meldet sich bei der Beratungsstelle.

Wertekodex

„Fernsehen ist oft näher dran am Alltag des Zuschauers als das Kino“, erläutert Dr. Eva-Maria Fahmüller, stellvertretende Vorsitzende des Verbands für Film- und Fernsehdramaturgie e.V. und Leiterin der Master School Drehbuch in Berlin. „Während das Kino in fremde Welten entführen kann, bieten Fernsehserien den Zuschauern einen Plot, in dem sie sich wiederfinden sollen.“ Die Produktionsfirma der RTL-Serie GZSZ, Ufa Serial Drama, wird dem in besonderer Weise gerecht. Es gibt zwei Grundsätze, an die sich alle Autoren halten müssen, heißt es in dem Wertekodex 2013 von Ufa Serial Drama: „Zum einen dürfen niemals bestehende Vorurteile verstärkt werden. Zum anderen muss die Geschichte gründlich und solide recherchiert sein.“ So gehört die Zusammenarbeit mit Organisationen wie Dick & Dünn oder der Deutschen Alzheimer Gesellschaft für Producer, Autoren, Schauspieler und Regisseure laut Wertekodex zum Pflichtprogramm.

Üppige Etats in den USA

„Das Fernsehen ist inzwischen häufiger um eine entstigmatisierende Darstellung von psychischen Erkrankungen bemüht“, bestätigt Dramaturgin Fahmüller. Doch im Vergleich zu den USA beispielsweise habe die Stoffentwicklung in Deutschland noch nicht den Stellenwert, den dieser Prozess haben sollte. US-Serien wie „Dr. House“, „Homeland“ oder „Monk“ – Serien, in denen die Protagonisten sich zwischen kranken und gesunden Zuständen bewegen – seien präzise recherchiert. Üppige Etats und andere Strukturen in den amerikanischen Sendern machen es möglich.

Fast zwei Jahre Zeit haben sich die Autoren dennoch für den Bremer Tatort „Ordnung im Lot“ (2012) vom ersten Entwurf bis zu den Dreharbeiten genommen. Eine Frau mit Schizophrenie gibt darin den beiden Tatort-Kommissaren Rätsel auf. Drehbuchautorin Claudia Prietzel verbrachte Monate im Archiv des Studiengangs Psychologie und hat Fallbeispiele studiert, Co-Autor Peter Henning hat seine Erfahrungen in seinem persönlichen Umfeld gemacht. Auf den Internetseiten von Radio Bremen bescheinigt eine Psychologin dem Film – mehr ein Psychodrama denn ein Krimi –, dass die psychische Dynamik innerhalb der betroffenen Familie „absolut realistisch dargestellt ist in all seinen Facetten“.

Britische Kampagne „Time to change“

Doch manchmal tappt auch der Fernsehkrimi wieder in die Falle des Psychopathen-Klischees. Fast zwei Drittel der Szenen, die im britischen Fernsehen Bezug nahmen auf eine psychische Störung, taten das in abwertender und oberflächlicher Weise, lautet ein Forschungsbefund, den die Anti-Stigma-Kampagne „Time to Change“ zitiert. Die Kampagne, die unter anderem vom britischen Gesundheitsministerium finanziert wird, stellt Journalisten Fallgeschichten von Menschen mit psychischen Problemen zur Verfügung, hält Workshops und Seminare zum Thema ab und hat Guidelines für die Medien erstellt (s. Kapitel 4).


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