Psychopharmaka – Fluch oder Segen?

Zu viele Psycho-Pillen? Überversorgung und Hirndoping

Ein großes Misstrauen gegenüber Psychopharmaka birgt die Gefahr, dass notwendige Medikamente nicht genommen werden. Eine unkritische Haltung dagegen kann zu Überversorgung und Missbrauch führen. Experten befürchten, dass in Deutschland zu viele Psycho-Medikamente geschluckt werden. „Besonders den steilen Anstieg der verordneten SSRI sehen wir mit Sorge“, berichtet Prof. Gerd Glaeske, Arzneimittelexperte am Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen. Er verweist darauf, dass in knapp 25 Jahren die Verordnungen von Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) in Deutschland um das Siebenfache gestiegen sind. „Das stimmt vor allem bedenklich, weil Antidepressiva bei mild ausgeprägten Depressionen nicht mehr als Mittel der Wahl gelten“, sagt Glaeske. Etwa ein Drittel der Verordnungen von Psychopharmaka stammen laut Arzneiverordnungsreport 2015 von Allgemeinmedizinern. „Eine fachärztliche Betreuung von Menschen mit psychischen Störungen wäre sicherlich die bessere Alternative“, so Glaeske.

Das bekannteste Präparat unter den SSRI ist Prozac mit dem Wirkstoff Fluoxetin – seit Mitte der 80er Jahre in den USA als „Glückspille“ vermarktet. Auch in Deutschland stehen Antidepressiva in Verdacht, als Lifestyle-Droge missbraucht zu werden. Eine aktuelle Untersuchung der DAK* ergab, dass drei Millionen Deutsche schon einmal ohne medizinischen Grund psychoaktive Medikamente eingenommen haben, um leistungsfähiger zu sein. Dieses Phänomen wird Hirndoping oder auch Neuro-Enhancement (englisch enhancement = Steigerung, Verbesserung) genannt. Neben Antidepressiva greifen die „Doper“ auch zu anderen Psychopharmaka wie Methylphenidat (bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin) oder Mittel gegen Demenz (s. Teil VI). Oft zeigen sich bei Gesunden jedoch nur minimale oder kurzfristige Effekte mit allen Risiken durch die möglichen Nebenwirkungen.

* DAK (Hrsg.) (2015): DAK-Gesundheitsreport 2015. Erstellt durch die IGES Institut GmbH.
www.dak.de/dak/download/Vollstaendiger_bundesweiter_Gesundheitsreport_2015-1585948.pdf


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