Schizophrenie verstehen und bewältigen

„Mich gibt es noch!” – Bericht einer Betroffenen

Menschen mit einer Psychose erfahren eine tiefe Verunsicherung und existenzielle Ängste. Was gibt ihnen mehr Sicherheit, wie können sie im Leben wieder Fuß fassen? Eine Frau, die schon in ihrer Jugend an einer schizophrenen Psychose erkrankt ist, berichtet von ihrem Erleben:

„Eine Psychose ist für mich eine andere Form der Wahrnehmung. Ich spreche ungern von Krankheit. Die Dinge, die Geschehnisse in der Welt und oft auch die Menschen rücken zu nah an mich heran. Das ändert sich auch nicht in den Phasen, in denen es mir ganz gut geht. Neulich beispielsweise hörte ich einen Probealarm. Ich geriet völlig in Panik, weil ich wirklich dachte, jetzt ist Krieg. Wenn die Verkäuferin in einer Bäckerei unfreundlich guckt, nehme ich sofort an, dass ich etwas falsch gemacht habe und komisch aussehe. Ich bilde mir dann ein, dass die anderen im Laden das auch denken. Ich bekomme Angst und verlasse das Geschäft so schnell wie möglich.

Ich bewege mich nicht selbstverständlich in der Welt. Ich suche zu viel Sicherheit im Außen. Ohne festen Standpunkt wird man unsicher und instabil. Ich kann mich zu wenig abgrenzen, bewege mich zu viel mit. Deshalb muss ich mich immer wieder vor zu viel Eindrücken schützen und mich zurückziehen. Wenn ich mich zu viel zurückziehe, ist das aber auch nicht gut. Denn ich möchte an der Welt teilhaben und Verantwortung übernehmen.

Ein großes Problem von Menschen mit psychischen Verstörungen ist meiner Meinung nach, dass sie oft keine Beschäftigung im Außen haben, wo sie Sinn über sich hinaus finden und schaffen. Sodass die Gedanken zu viel um sich selbst kreisen und das innere Gefängnis dadurch enger wird. Ich habe zwar insgesamt mehrere Jahre in verschiedenen Kliniken verbracht, wenn nichts mehr ging, aber ich habe, wenn mir das möglich war, immer gearbeitet. Mir ist klar, dass ich dabei auch sehr viel Glück gehabt habe, dass das geklappt hat. Die Arbeit ist oft meine Rettung gewesen: Sie hat mich dabei unterstützt, in der Realität zu bleiben und sie gleichzeitig zu überprüfen.

Heute bin ich als Genesungsbegleiterin an einer psychiatrischen Klinik tätig. Das heißt, ich führe Gespräche mit Menschen, die in einer akuten Krise sind. Dafür habe ich die Ex-In-Ausbildung* absolviert. Ich unterstütze die Betroffenen dabei, sich mit sich selbst zu befreunden, sich in ihrem Eigen-Sein zu akzeptieren und nicht fremden Entwürfen hinterherzurennen. Die Tatsache, selbst Psychosen erlebt zu haben, die Angst, die Auflösung, die totale Verunsicherung zu kennen, schafft die Basis für solidarisches Zuhören und Ermutigung. Wenn in meinen schwersten Zeiten, als ich mir selbst verloren ging, mir jemand wirklich zugehört hat, dann bedeutete das: Mich gibt es noch! Ich gehöre noch dazu! Das wird meines Erachtens unterschätzt: Wie erleichternd es ist, wenn man die Chance bekommt, sich verständlich zu machen.”


* „Ex-In“ (= „Experienced-Involvement“) ist eine spezifische Ausbildung für Psychiatrie-erfahrene Menschen, die auf dem Erfahrungswissen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer basiert. Die Ausbildung qualifiziert dafür, als Mitarbeiter/in in psychiatrischen Diensten oder als Dozent/in tätig zu werden. Weitere Informationen: www.ex-in.info


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