Schizophrenie verstehen und bewältigen

„Grenzen setzen” – Interview mit einer Angehörigen

Janine Berg-Peer ist Mutter einer psychisch erkrankten Tochter und Autorin des Buches „Schizophrenie ist scheiße, Mama!“. Die Berliner Unternehmensberaterin engagiert sich beim Bundesverband Angehöriger psychisch Kranker e.V. (BApK) und ist deutsche Repräsentantin beim europäischen Dachverband der Familien mit psychisch kranken Angehörigen (EUFAMI). Sie bietet auch selber Coaching für Angehörige an.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie niemals mit der „furchteinflößenden Diagnose Schizophrenie“ bei Ihrer Tochter gerechnet hätten. „Es fühlt sich an, als ob dies das Ende unseres Lebens ist“. Was würden Sie im Rückblick Angehörigen raten? Wie können sie mit einer Schizophrenie-Diagnose ihres Partners, ihres Kindes klarkommen?

Den Schock kann man nicht schönreden. Aber die Angehörigen sollten versuchen, sich nicht zu sehr von der Aufregung anstecken zu lassen. Wichtig ist es gerade bei einer ersten psychotischen Episode, dass erst einmal Ruhe einkehrt und man beobachtet, wie sich die Symptome entwickeln. Es ist sehr hilfreich in dieser Situation, sich von vielen Seiten beraten zu lassen. Angehörige sollten dabei nicht sofort den Prognosen der Psychiater glauben – man kann nicht wissen, wie die Erkrankung verläuft.

Viele Eltern haben Schuldgefühle und fragen sich „Was haben wir falsch gemacht?“. Auch von Dritten bekommen die Eltern, insbesondere die Mütter, gelegentlich Schuldzuweisungen zu hören. Wie können sie damit umgehen?

Mir wurde einmal im Zusammenhang mit der Erkrankung meiner Tochter gesagt: „Sie sind aber auch eine dominante Frau!“ Das trifft einen unheimlich hart. Auch deshalb, weil natürlich jede Mutter, jeder Vater manches falsch macht in der Erziehung. Aber man muss sich klarmachen, dass niemand den Ausbruch der Krankheit hätte verhindern können. Dabei hilft es, sich ein solides Wissen über den Stand der Forschung anzueignen. Ansonsten sollte man sich ein dickes Fell zulegen, damit entsprechende Bemerkungen nicht so verletzend sind. Eine Ärztin hat mal zu mir gesagt: Wenn Sie sich mit Ihren Schuldgefühlen beschäftigen, können Sie Lena nicht bei ihrer Genesung unterstützen.

Es ist ja oft nicht einfach, psychoseerkrankte Menschen zu einer Behandlung zu bewegen, weil die sogenannte Krankheitseinsicht fehlt.

Dieses Wort nehme ich nicht mehr in den Mund. Denn man tut damit so, als ob die Betroffenen einfach nur bockig wären. Aber wer möchte denn schon gerne krank sein? Ich finde es verständlich, dass meine Tochter so gegen die Diagnose gewettert hat. Wichtig ist es, dass man sich nicht in einen Machtkampf begibt und darauf drängt, dass die Betroffenen doch einsehen müssen, dass sie krank sind. Man sollte auch nicht nachfragen, ob die Betroffenen ihre Medikamente genommen haben. Das liegt in der Verantwortung der Kranken selber. Statt dessen kann man die Frage stellen: „Was möchtest du in deinem Leben?“ Wir kümmern uns immer nur um die Symptome, statt auch mal die persönlichen Ziele des Erkrankten ins Auge zu fassen. Das könnte eine Motivation sein, die Tabletten zu nehmen, wenn sie helfen, das Ziel zu erreichen.

Menschen, die an einer Psychose erkrankt sind, verhalten sich oft nicht der Situation angemessen. Sie haben eventuell Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Wie finden Angehörige Zugang zu den Erkrankten?

Ich spreche mit meiner Tochter darüber, was sie gerade bedroht. Es geht darum, ihre Gefühle und Wahrnehmungen ernst zu nehmen – auch wenn ich die Stimmen nicht höre, die sie hört. Die Angst ist ja real. Wenn jemand friert, hilft es ja auch nicht zu sagen, dass es nicht kalt ist. Aber man sollte auf unberechenbare, krankheitsbedingte Verhaltensweisen vorbereitet sein. Ich war anfangs fassungslos, wenn meine Tochter mich plötzlich unflätig beschimpft oder angebrüllt hat. Man darf es den Psychose-Kranken nicht übelnehmen – nichtsdestotrotz ist eine psychische Erkrankung keine Entschuldigung für schlechtes Benehmen. Deshalb sollte man auch Grenzen setzen. Zum Beispiel das Zimmer verlassen oder den Hörer auflegen, wenn es einem reicht. Und klar Position beziehen: „Ich möchte nicht um drei Uhr nachts angerufen werden!“ Oder: „Ich werde dir kein Geld mehr leihen.“ Das war auch für meine Tochter eine Hilfe, die einmal ganz überrascht zu mir sagte: „Das war aber ein klares Wort, Mama!“

Viele Angehörige leben in ständiger Angst und Sorge und sind zutiefst erschöpft. Wie können sie sich selber helfen?

Indem sie lernen, egoistischer zu sein. Ein Vater hat mir zum Beispiel mal berichtet, dass er nie seinen festen Termin in der Woche verpasst hat, an dem er zusammen mit anderen Musikern Geige gespielt hat. Ich empfehle im Übrigen auch allen Angehörigen, sich selber einen Psychotherapeuten zu suchen. Das sollte aber jemand sein, der sich mit Psychosen auskennt und in der Lage ist, unsere Aufgeregtheit zu dämpfen.

Viele Angehörige und Betroffene verschweigen aus Scham die Erkrankung. Wie offen sind Sie mit der Psychose-Erkrankung Ihrer Tochter umgegangen?

Ich habe von Anfang an mit allen darüber geredet. Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich mich selten diskriminiert gefühlt habe. Es könnte sein, dass viele Angehörige selber mit eigenen Vorurteilen zu kämpfen haben und nicht über die Erkrankung sprechen. So besteht die Gefahr, dass sie bestimmte Reaktionen als Diskriminierung interpretieren, wo aber einfach nur Unwissenheit der Grund für die jeweilige Reaktion ist. Wenn meine Tochter nachts randaliert, beschwert sich der Nachbar doch zu Recht über den Krach, wenn der von nichts weiß. Meine Tochter geht aber sehr offensiv mit ihrer Erkrankung um und hat die Nachbarn informiert. Neulich meinte einer zu ihr: „Ich freue mich, dass es Ihnen wieder besser geht!“

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