Psychische Erkrankungen im Film

Irre Mörder und kaltblütige Psychopathen – Stereotype im Film

Der gemeingefährliche Irre, der wahnsinnige Psychiater, die hysterische Übergeschnappte oder auch der psychisch Kranke mit einer besonderen Begabung – Filmklassiker wie „Psycho“ (1960), „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) oder „A beautiful Mind“ (2001) haben Stereotypen über Menschen mit psychischen Störungen entscheidend mitgeprägt. Doch nicht nur die Patienten, auch die Institution Psychiatrie wird mit Klischees belegt: Filme wie „Einer flog übers Kuckucksnest“ (1975) oder in neuerer Variante „Shutter Islands“ (2010) suggerieren, dass in psychiatrischen Kliniken die Patienten mit Zwangsjacken, Elektroschocks und im schlimmsten Fall einer Hirnoperation malträtiert und mit Medikamenten sediert werden.

„Besonders hartnäckig hält sich in Spielfilmen das Stereotyp des gewalttätigen und unberechenbaren psychisch Gestörten“, sagt Prof. Wolfgang Gaebel, Vorsitzender des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit. Der brutale, psychisch gestörte Killer oder auch die Killerin findet sich bis heute noch in so manchen Tatorten; Filme wie „The Killing of John Lennon“ (2006) oder „Attentat auf Richard Nixon“ (2004) versuchen spektakuläre Gewalttaten mithilfe von psychischen Störungen zu erklären. „Doch Studien zeigen, dass psychische Störungen weder eine Voraussetzung noch alleinige Ursache von Gewalttätigkeit sind“, betont Psychiater Gaebel. Im Gegenteil: Menschen mit psychischen Erkrankungen sind sogar häufiger Opfer von Gewalt als die Normalbevölkerung (10 Prozent versus 6 Prozent).

Vorurteile können sich verstärken

„Keine andere Kunstform durchdringt das Bewusstsein des Menschen so tief und umfassend wie das Kino “, schreiben die Autoren des Buches „Psyche im Kino“. Wie sich ein Film auf die Einstellung der Zuschauer auswirkt, untersuchten Gaebel und Mitarbeiter anhand des Films „Das weiße Rauschen“ (2001). Der Film des Regisseurs und Neurowissenschaftlers Hans Weingartner gilt als vorbildlich, weil er realitätsnah das subjektive Erleben des an Schizophrenie erkrankten Lukas zeigt. Doch die dramatische Darstellungsweise greift – folgt man der Doktorarbeit von Stephan Grunst – ebenfalls die Stereotypen „gewalttätig“ und „unberechenbar“ auf. Und das beeinflusst das Publikum, wie die Untersuchung zeigt: Negative Einstellungen gegenüber Personen mit einer Schizophrenie – das sind neben „gefährlich“ zum Beispiel auch assoziierte Eigenschaften wie „verwahr-lost“, „abnormal“, „unheimlich“ – verstärkten sich.

Insbesondere die Genres des Krimis oder Psychothrillers eignen sich für die Figur des kaltblütigen „Psychopathen“, der ohne Scham und Reue reihenweise Menschen umbringt. Auch wenn eine Studie zweier Brüsseler Psychiater unlängst bestätigt hat, dass diese Figuren zunehmend realistische Züge tragen: „Hier erfährt ein spezielles Krankheitsbild – nämlich die dissoziale Persönlichkeitsstörung – in seiner schwersten Ausprägung eine riesige mediale Aufwertung“, sagt der Berliner Psychiater und (Dreh-)Buchautor Jakob Hein. „Es gilt jedoch zu bedenken, dass es sich dabei nur um einen Bruchteil der psychiatrischen Patienten handelt.“

Stereotype schützen das Publikum

Keine Frage: Krasse Persönlichkeitszüge, extreme Krankheitsbilder und überzogene Klischees sind Hilfsmittel für die Dramaturgie. „Die Filmemacher möchten einen psychischen Abgrund erkennbar machen“, sagt Jakob Hein. „Doch gleichzeitig möchte der Zuschauer auch davor geschützt sein.“ Stereotype dienen der Abgrenzung und vom monströsen Mörder kann sich das Publikum gut distanzieren.

Der Theaterregisseur und Drehbuchautor Sebastian Schlösser, der selber an einer bipolaren Störung erkrankt ist, weist darauf hin, dass inzwischen in den Krimis nicht nur die Täter, sondern auch die Ermittler eine „Macke“ haben. Wie etwa der Dortmunder Kommissar Faber, der nach einem traumatischen Erlebnis unter Depressionen leidet. Für Schlösser – bekannt geworden durch sein Buch „Lieber Matz, Dein Papa hat ‘ne Meise“ – ein Hinweis darauf, dass die Darstellung psychisch Kranker in Film und Fernsehen differenzierter geworden ist. „Hatten die ‚Verrückten‘ früher im Film den irren Blick, ist die psychische Erkrankung heute eher unsichtbar – und damit in der Normalität angekommen.“


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