Inklusion: „Psychisch krank und mittendrin?!“

Gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft – ein Überblick

„Jeder Mensch mit Psychiatrie-Erfahrung oder einer Benachteiligung welcher Art auch immer soll die Wahl haben, dort zu leben, zu wohnen, zu arbeiten und zu lernen, wo alle anderen Menschen es auch tun.“ So beschreibt Prof. Ingmar Steinhart, im Vorstand der Aktion Psychisch Kranke e.V., was Inklusion* bedeutet.

Inwieweit ist das in Deutschland umgesetzt? „Psychisch krank und mittendrin?!“ – unter diesem Schwerpunkt steht die Berliner Woche der Seelischen Gesundheit, die im Oktober dieses Jahres im Rahmen einer bundesweiten Aktionswoche Angebote zur Inklusion aufzeigen will. Und viele Veranstalter der bundesweiten Woche, die vom Aktionsbündnis Seelische Gesundheit koordiniert wird, greifen dieses Motto auf.

Weg von den Langzeitbetten

In Deutschland hat sich viel getan, seit mit dem „Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland“ (Psychiatrie-Enquete) eine Psychiatrie-Reform eingeleitet wurde. Noch in den 60er-Jahren lebten die Patienten in den überwiegend geschlossen geführten Stationen durchschnittlich ein Jahr oder sogar noch länger. Heute beträgt die durchschnittliche Verweildauer nur noch 24 Tage. Die psychiatrischen und psychotherapeutischen Fachkrankenhäuser haben sich verkleinert und Fachabteilungen an Allgemeinkrankenhäusern sind entstanden, gleichzeitig wurden psychiatrische Tageskliniken und Institutsambulanzen eröffnet.

Weg von der Einrichtungsorientierung hin zur Personenzentrierung – das ist ein Anliegen der gemeindepsychiatrischen Bewegung, die sich in Folge der Psychiatrie-Enquete in den 70er-Jahren herausbildete: „Als Gegenentwurf zur Aussonderung in Kliniken oder Heimen möchte die Gemeindepsychiatrie Hilfen vor Ort etablieren und sowohl Angehörige als auch Freunde, Arbeitgeber, Kollegen und Nachbarn einbeziehen“, berichtet der Psychologe und Psychiater Nils Greve, Vorstandsmitglied der Bundes-arbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrischer Verbünde. Heute spannt sich über Deutschland ein Netz aus gemeindepsychiatrischen Angeboten und überall im Land können psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen als Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige dienen.

Zudem haben gemeindepsychiatrische Trägerorganisationen betreute Wohnformen und eine ganze Reihe arbeitsrehabilitativer Maßnahmen in Deutschland aufgebaut. Die ambulanten Hilfen sind vom Gesetzgeber seit der Jahrtausendwende noch einmal ausgeweitet worden: so ist beispielsweise seit 2002 die ambulante Soziotherapie verordnungsfähig, bei der ein Soziotherapeut Unterstützung im Alltag bietet. Beim Persönlichen Budget, eingeführt im Jahr 2004, wandelt sich ein Patient vom Leistungsempfänger zum selbstbestimmten Kunden, der sich seine Hilfeleistungen selbst aussuchen und einkaufen kann.

Zersplittertes Sozialsystem

„Doch die volle und wirksame Teilhabe von Menschen mit psychischer Erkrankung ist noch nicht erreicht“, kritisiert Ruth Fricke, im Vorstand des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e.V. „Die Betroffenen haben nach wie vor ein hohes Risiko, ihre sozialen Bezüge und ihren Arbeitsplatz zu verlieren und in der Folge zu verarmen.“ Das ist auch die Aussage einer gemeinsamen Stellungnahme verschiedener Verbände – darunter die Aktion Psychisch Kranker e.V., der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. und der Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V. Die Verbände fordern unter anderem eine flächendeckende Umsetzung von aufsuchender Krisenintervention und mehr Hilfen zur Teilhabe an Arbeit und Beschäftigung.

„Der Zugang zu ambulanten psychosozialen Behandlungsformen, wie zum Beispiel der Akutbehandlung zu Hause (Home-Treatment), wird durch verschiedene Barrieren erschwert und hängt bis heute von mehr oder weniger zufälligen Konstellationen ab“, bemängelt auch Prof. Steffi Riedel-Heller von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Riedel-Heller, Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health an der Leipziger Universitätsmedizin ist Mit-Autorin der S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“, die von der DGPPN 2013 herausgegeben wurde.

Darin heißt es, dass die „ambulante Versorgung schwer psychisch Kranker in Deutschland vor allem unter Fragmentierung“ leidet – abzulesen zum Beispiel daran, dass sich die Leistungen für Menschen mit einer psychischen Erkrankung auf mindestens sieben Sozialgesetzbücher verteilen. Experte Nils Greve betont: „In diesem hochzersplitterten Sozialsystem ist es unsere Aufgabe, ganzheitliche Hilfen in das Lebensumfeld der Betroffenen zu bringen, und zwar wie aus einer Hand.“


* Inklusion“ hat den Begriff der „Integration“ abgelöst – spätestens seit die UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) im Jahr 2008 in Kraft getreten ist. Die BRK schreibt die Inklusion bzw. Teilhabe von Menschen mit körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderung als ein Menschenrecht fest.

* Quelle: „Psychiatriereform 2011 ... der Mensch im Sozialraum“, herausgegeben von der Aktion Psychisch Kranke, Bonn 2012.


Diesen Artikel teilen

Register now


I'm a small Introtext for the Register Module, I can be set in the Backend of the Joomla WS-Register Module.



  or   Login
×