Kinder von psychisch erkrankten Eltern

Doppeltes Risiko – die Notlage der Kinder

Etwa drei Millionen Kinder leben mit einem psychisch kranken Elternteil. Sie sind selber gefährdet, psychisch krank zu werden: Etwa zwei Drittel der betroffenen Kinder entwickeln eine psychische Auffälligkeit oder Störung. Doch sowohl von der Erwachsenenpsychiatrie als auch von der Jugendhilfe werden die Kinder als Angehörige oft übersehen. Über 100 lokale Hilfsprojekte in Deutschland versuchen, diese Versorgungslücken zu füllen. Eine bundesweite Initiative unterschiedlichster Verbände und Einrichtungen fordert flächendeckende Strukturen.

Die heute 48-jährige Wiebke Scherber ist mit einer schizophreniekranken Mutter aufgewachsen. „Durch ihre Erkrankung lebte meine Mutter in ihrer eigenen Welt. Von dieser war ich ausgeschlossen. Sie verhielt sich – für mich jedenfalls – unberechenbar, war stundenlang für mich und meinen Bruder nicht ansprechbar“, berichtet sie*. Ständig war sie unter Spannung, weil sie nicht wusste, „wann normales Verhalten in etwas anderes umschlagen würde“.

Schon als kleines Kind musste Wiebke Scherber lernen, dass die Wahnvorstellungen der Mutter nicht real sind. Sie musste lernen, mit der Unausgeglichenheit der Mutter klar zu kommen, und ständig Rücksicht nehmen. Etwa drei Millionen Kinder in Deutschland leben in Familien, in denen ein Elternteil psychisch krank ist. Dadurch geraten viele dieser Kinder in eine seelische Notlage – und sind gefährdet, selber psychisch krank zu werden: Das Risiko steigt um das Drei- bis Vierfache im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Denn sie sind doppelt belastet: Zum einen besteht das genetische Risiko, dass sie die Erkrankung der Eltern – sei es eine Schizophrenie, eine Depression, eine Angststörung, eine Suchterkrankung oder ein anderes psychisches Leiden – erben. Zum anderen wachsen sie unter ungünstigen familiären Bedingungen auf.

„In akuten Krankheitsphasen sind die betroffenen Mütter – oder Väter – emotional wenig verfügbar“, berichtet Prof. Anette Kersting, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. Die erkrankten Eltern sind dann oft nicht in der Lage, kindliche Signale angemessen wahrzunehmen und darauf zu reagieren.

„Das Verhalten kann zwischen Überängstlichkeit und übermäßiger Kontrolle schwanken oder es fällt ihnen schwer, Grenzen zu setzen“, so die Psychosomatikerin, die bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) das Referat Frauen und geschlechtsspezifische Fragen in der Psychiatrie leitet.

* Zitiert nach: „Nicht von schlechten Eltern“. Herausgegeben von Fritz Mattejat und Beate Lisofsky. Balance, 2014 (4. korrigierte und ergänzte Auflage).


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