Viele Menschen, die eine psychische Erkrankung bei sich selbst oder bei vertrauten Personen erlebt haben, sind oft bereit, ihre Erfahrungen und Erkenntnisse anderen mitzuteilen. Dennoch kann es schwer sein, öffentlich oder vor einer fremden Person über derart persönliche Erlebnisse und Erfahrungen zu sprechen. Eine angemessene journalistische Gesprächsatmosphäre ist deshalb besonders wichtig.

Vor dem Interview
Während des Interviews
Nach dem Interview
    • Achten Sie darauf, dass die Person sich wohlfühlt: Entscheiden Sie gemeinsam, wo das Interview stattfinden soll. Fragen Sie die Person, ob sie sich einen Freund/ eine Freundin oder eine Verwandte/ einen Verwandten als Begleitung wünscht.

    • Machen Sie deutlich, was das Thema des Gesprächs sein wird und welches Ziel Sie verfolgen: Geben Sie der Person die Möglichkeit, sich vorzubereiten, indem Sie ihr vorab die Fragen des Gesprächs schicken. Erklären Sie, welche Art von Gespräch (klassisches Interview, Hintergrundgespräch) Sie führen werden und wie die gewonnene Information weiterverwendet wird.

    • Planen Sie genügend Zeit für das Interview ein: Die Erfahrungen einer Person können komplex und schmerzhaft sein, und deren Beschreibungen benötigen häufig viel Zeit.

    • Seien Sie respektvoll: Versuchen Sie, der Person nicht das Gefühl zu geben, sie sei „nicht normal“ . („Wann haben Sie gemerkt, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt?“ ist zum Beispiel eine von vielen Betroffenen bereits als abwertend empfundene Frage. Neutraler könnte die Formulierung zum Beispiel lauten: „Wann sind die Symptome einer psychischen Erkrankung erstmals aufgetreten?“)

    • Versuchen Sie, sich an die Sprache des Interviewpartners/der Interviewpartnerin anzupassen.

    • Schämen Sie sich nicht, wenn Sie etwas nicht wissen. Fragen Sie nach! Menschen mit einer psychischen Krankheit oder Menschen, die damit in engen Kontakt gekommen sind, sind meistens Experten, was ihre Erkrankung oder den Umgang damit betrifft.

    • Hören Sie aufmerksam zu und versuchen Sie, Interpretationen zu vermeiden: Wenn Sie etwas nicht verstanden haben, fragen Sie nach. Denken Sie sich nicht „Ihren Teil“.

    • Geben Sie der Person ausreichend Zeit zu antworten – besonders bei persönlichen Fragen, und akzeptieren Sie es, wenn Betroffene über manche Aspekte ihrer Erkrankung oder der damit verbundenen Ereignisse nicht mit einer Journalistin bzw. einem Journalisten sprechen möchten.

    • Seien Sie vorbereitet auf Überraschungen. Menschen mit psychischen Erkrankungen sind nicht immer „völlig anders“, es kann also sein, dass Sie ein „Anderssein“ der Betroffenen suchen, das sich aber nicht eruieren lässt. Akzeptieren Sie dies und nehmen Sie es als Anlass zur Reflektion Ihrer eigenen Einstellungen (und ggf. Vorurteile) über Menschen mit psychischen Erkrankungen. Sprechen Sie mit Kollegen und Kolleginnen über solche Erfahrungen und suchen Sie das Gespräch mit Fachleuten wie Psychiatern, Psychologen oder dem Aktionsbündnis Seelische Gesundheit, wenn fachliche Fragen offenbleiben.

    • Menschen mit psychischen Erkrankungen haben häufig Ungewöhnliches erlebt oder berichten für einen Außenstehenden schwer nachvollziehbare Gedanken oder Erlebnisse. Vermeiden Sie wertende Reaktionen, fragen Sie im Zweifelsfall nach und sehen Sie es als Zeichen des Vertrauens Ihrer Gesprächspartner Ihnen gegenüber, wenn diese Ihnen über solche Erfahrungen berichten. Zeigen Sie Ihre Wertschätzung dieses Vertrauens.

    • Nennen Sie die interviewte Person nur dann namentlich, wenn diese ihre ausdrückliche Zustimmung gegeben hat.

    • Bemühen Sie sich, das individuelle Krankheitsverständnis der Person authentisch wiederzugeben: Versuchen Sie, wenn möglich, die Sprache der betroffenen Person zu verwenden. Hat die Person ein anderes Verständnis ihrer Krankheit als ihre Familie oder ihr Arzt? Versuchen Sie, diese Perspektive zu integrieren.

    • Lassen Sie Zitate und Interviews unaufgefordert autorisieren.

    • Informieren Sie die Person über die verschiedenen Medien (Print, Online-Plattformen: Websites, Soziale Netzwerke), in denen Ihr Text zu lesen sein wird, und stellen Sie, wenn möglich, Belegexemplare zur Verfügung – es kann sein, dass Ihr Interviewpartner darauf angesprochen wird.


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